Frühromantisches Juwel zum Abschied

Michaelskirche: Darmstädter TU-Kammerorchester und Cellist Jakob Spahn ernteten viel Beifall

BENSHEIM. Wie fruchtbar die kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen einem leidenschaftlichen jungen Dirigenten und einem ebenso engagierten Amateurensemble verlaufen kann, haben Andreas Hotz und das Darmstädter TU-Kammerorchester in den letzten sechs Jahren bewiesen. Ab kommender Saison wird der dynamische Anfangdreißiger – derzeit noch 1. Kapellmeister am Staatstheater Mainz – neuer Generalmusikdirektor in Osnabrück. Wer Hotz und das 1981 gegründete Orchester jetzt mit ihrem Abschiedsprogramm in der Bensheimer Michaelskirche erlebte, dürfte diesen Weggang lebhaft bedauern.

Beachtenswerte Nachwuchskraft

Zusätzliches Format gewann das gut besuchte Konzert durch den famosen Auftritt von Jakob Spahn, der als Solocellist des Bayrischen Staatsopernorchesters München ebenfalls zu den beachtenswertesten Nachwuchskräften seiner Zunft gehört. Benjamin Brittens nur den Streichern vorbehaltene „Simple Symphony“ opus 4 (1934) ist zwar ein dankbarer Repertoirerenner, aber durchaus kein im eigentlichen Sinne simples Stück – schon gar nicht für die Ausführenden. Wenn die verblüffende satztechnische Kunst des jungen Meisters adäquat zum Ausdruck kommen soll, sind Präzision und Spielwitz in besonderem Maße gefordert.

Hotz‘ faszinierend energiegeladenes und akzentfreudiges Dirigat sorgte bei seinen Darmstädter Musikern von Anfang an für höchste Spannung und Konzentration, so dass diese Britten-Wiedergabe wie aus einem Guss geriet.

Besonders gelungen schienen das sehr agile „Playful Pizzicato“-Scherzo und die süffige „Sentimental Sarabande“, deren weiträumiges Melos in Hotz‘ emphatischem Zugriff den Geist ambitionierter Sinfonik atmete.

Tschaikowskys 1876 entstandene „Rokoko-Variationen“ opus 33 zählen zu den meistgespielten Bravourstücken des romantischen Cellorepertoires. Selten jedoch klang das charmante Werk so geschmackvoll und nobel wie bei Jakob Spahn:

Der Geringas-Schüler (*1983) demonstrierte in der Michaelskirche Brillanz ohne Effekthascherei und Emotionalität ohne Gefühlsduselei. Das hatte wahrhaft großen Stil – nicht zuletzt dank des feinnervig mitgehenden Orchesters und seiner herausragend präsenten Bläserfraktion. Spahns edel leuchtender und beseelt singender Ton machte auch das zugegebene Tschaikowsky-Nocturne opus 19/4 zum ungetrübten lyrischen Genuss.

Als besonders originelles Abschiedsstück wählte Andreas Hotz Schuberts fast nie zu hörende 1. Sinfonie D-Dur D 82 aus dem Jahre 1813: ein echtes frühromantisches Juwel, das die geniale Begabung des damals erst 16-jährigen Komponisten geradezu spektakulär bezeugt. Wie Schubert in diesem über halbstündigen Viersätzer trotz unüberhörbarer Einflüsse der drei großen Wiener Klassiker bereits zu seinem ganz eigenen „Sound“ findet, rührt und begeistert zugleich.

Die Darmstädter Gäste warben unter Hotz‘ inspirierender Leitung ebenso feurig wie farbenreich für den frühen sinfonischen Wurf. Kleinere Wackler im „Andante“ und leichte Schwungdefizite im allzu breit genommenen „Menuetto“ konnten am erfrischenden Gesamteindruck der von hoher orchestraler Genauigkeit geprägten Darbietung nichts ändern.

Schuberts „Rosamunde“-Zwischenaktmusik D 797 folgte nach herzlichem Beifall als stimmungsvolle Zugabe. Auf das nächste Bensheimer Gastspiel des TU-Kammerorchesters unter seinem neuen Chef Vladislav Brunner darf man gespannt sein.

Und von Andreas Hotz wird man ohnehin noch viel hören – nicht nur in Osnabrück.

Klaus Roß